Über die Integration eines blinden Hundes in einen bestehenden Mensch-Hund-Verband


1)    Mein Hund ist blind – Schock und Neuanfang

2)    Der blinde Hund zieht ein

3)    Erste Herausforderungen

4)    Tipps und Tricks zur Entspannung

5)    Die Seele des Hundehalters

 

1) Schock und Neuanfang

„Wenn die Augen blind sind, muss man mit dem Herzen suchen“ (Der kleine Prinz)

Die Entscheidung, den Mensch-Hund-Verband durch einen weiteren Vierbeiner zu vergrößern, will gut überlegt sein. Erst recht, wenn man erwägt, ein gehandicaptes Tier aufzunehmen. In unserem Fall „bewarb“ sich ein fünf Monate junger Weimaraner Rüde um die Adoption, der im Alter von ca. 3 Monaten durch einen Unfall erblindete. Aufgrund seines frisch erworbenen Handicaps wurde er jagduntauglich und sollte eingeschläfert werden.

 

Innerhalb einer kurzen Überlegungsphase stellten wir uns viele Fragen. Wie werden die beiden anderen Hundedamen (3 und 8 Jahre) auf den Jungspund reagieren, wie stark wird die Beeinträchtigung unseren Alltag bestimmen, wie kommt er selbst mit seiner Besonderheit zurecht, welchen Umfang an medizinischer Betreuung wird er benötigen?

 

Ich werde immer wieder gefragt, warum wir uns zur Adoption von „Linus“ – so sein Name - entschlossen haben. Ja, warum tut man sich „das“ an, wo doch die gängige Meinung ist, dass Hunde im Alter sowieso irgendwann erblinden, und man sich nicht schon einen „kaputten“ Junghund ins Haus holen muss. Die Antwort lässt sich rasch finden, hört man auf sein Herz. Linus wird die Welt auch so gut erfassen können – vielleicht sogar besser, als so manche oder mancher Sehende... Sein Hör- und Riechsinn werden sich weiter ausbilden. Wir haben entschieden, gemeinsam mit Linus unsere Herzen sehen zu lassen.

 

2) Der blinde Hund zieht ein – erste Vorkehrungen

Nun war klar: wir würden schon bald ein fünfköpfiger Haushalt sein. Bis zu Linus Einzug verblieben noch zwei Wochen. Was war nun alles zu tun? Folgende Schritte haben uns geholfen:

 

- Literatur, Internetrecherchen, Foren

Das Buch „Siehst du es?“ brachte erst mal ein wenig Licht in unser Dunkel. Austausch mit anderen Betroffenen kann ebenso helfen.

 

- Landkarten und Umleitungen

Wir entfernten „unnötige“ Dinge aus der Wohnung, begutachteten alle Ecken bezüglich Verletzungsgefahren und deckten ab, was nötig war. Um die Räume zu kennzeichnen kauften wir verschiedene Teppiche, die dem Kleinen eine Art Landkarte bieten sollen. Die unterschiedlichen Untergründe sollen als Anzeiger dienen, wo sich Linus gerade befindet.

 

- Signale einüben

Für den Beginn befanden wir die Signale „Zu mir“, „Stopp!“ und „Vorsicht“ sowie „Stufe runter/rauf“ und „Türe“ für wichtig. Um uns bemerkbar zu machen, richtungsweisend agieren und neue Gegenstände vorstellen zu können, entschieden wir uns für Klopfzeichen auf unseren Schenkel als auch auf den jeweiligen Gegenstand.

 

- Kommunikation

Einer der wenigen Punkte, die uns wirklich Sorge bereiteten betraf das Thema „Calming Signals“. Wie würden andere Hunde mit seinem durch die Blindheit verursachten Starren umgehen? Wie sieht wohl sein Konfliktmanagement aus wo er die Signale der anderen Hunde doch nicht wahrnehmen kann bzw. was nimmt er wahr und was nicht? Es lohnt sich, bereits vorab Überlegungen anzustellen, wie man den Hund bei der Kommunikation unterstützen kann. Wir vereinbarten, um das Schreckrisiko einzudämmen,  andere nahende Hunde und Menschen anzukündigen und ihm auch die Ankunft eines Autos, Fahrrades etc. vorab zu signalisieren.

 

3) Erste Herausforderungen oder „Vorsicht, Königin!“

Linus kam nach einer längeren Autofahrt recht entspannt bei uns an. Nach einer allgemeinen Erkundungstour und einigen Stunden Eingewöhnungszeit alleine in der Wohnung, wurde er seinen beiden neuen Hundeschwestern im Freilauf vorgestellt. Obwohl sich die drei Hunde bereits zuvor kennen gelernt hatten war es uns wichtig, die Begegnung auf neutralem Boden durchzuführen. Nach einem entspannten Spaziergang ging es dann gemeinsam zurück in das neue Zuhause.

 

- Ressourcenkonflikte

Dort angekommen, zeichneten sich erste Ressourcen- und Kommunikationsprobleme ab. Linus stürmte voller Freude auf die Couch, was ihm unsere kleine Bordercollie-Mix-Hündin per sofort und für unbestimmte Zeit lautstark verbat. Und wo sie schon mal dabei war, verbat sie ihm auch gleich den Eintritt in das gesamte Wohnzimmer. Die Sache war klar: Er musste sich die Bonuspunkte erst verdienen. Während die kleine Hündin mehr als nur skeptisch ihm gegenüber war, entflammte die Liebe der Größeren leidenschaftlich. Zwei Dinge waren also sichergestellt:

-          die Beziehung zur Kleinen musste gestärkt werden

-          und die Größere würde ab sofort die Leithund-Position übernehmen; an ihr würde sich Linus künftig orientieren.

 

Rücksichtsvolles Verhalten der kleinen Hündin gegenüber stärkten wir, indem ihr der für sie nötige Freiraum gewährt wurde. Nachdem Linus nicht sieht wo er hingeht – und ein Zusammentreffen bzw. Übereinander stolpern der beiden Hunde nicht akzeptabel ist, erfanden wir den Code-Satz „Vorsicht, Königin“. Dieser war und ist ebenso anzuwenden, wenn ein anderer Hund Calming Signals zeigt, die er nicht wahrnehmen kann (z.B. Lecken über die Nase, Blinzeln, Gähnen). So geben wir ihm zu verstehen, dass er kurz davor ist, ihren Raum zu betreten und Vorsicht walten lassen muss. Ruhige gemeinsame Beschäftigungen - wie z.B. Suchspiele - verstärken ebenso das Zusammengehörigkeitsgefühl. Nach zwei Wochen durfte Linus das erste Mal das Wohnzimmer betreten, inzwischen halten sich alle drei Hunde in unmittelbarer Nähe auf und wir müssen zunehmend weniger „eingreifen“.

 

Da wir stets bemüht sind unsere Liebe gerecht aufzuteilen, kam es diesbezüglich zu keinen Ressourcenkonflikten. Unsere Zuneigung hat sich vergrößert, auch wenn es natürlich weit zeitaufwändiger ist 12 Pfoten und 3 Bäuche zu kraulen :-)

„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.“ (Der Kleine Prinz)

 

4) Tipps und Tricks zur Entspannung

Anfangs wirkte Linus sehr unruhig. Er kam nur schwer zur Ruhe und ging die meiste Zeit in der Wohnung auf und ab. Wir lernten schnell, ihm unsere Anwesenheit zu signalisieren. Hausschuhe, die beim Gehen „lauter“ sind, Singen – zu Hause wie im Freien... Meine eher mittelmäßigen Gesangskünste wende ich mittlerweile auch im Freilauf und bei Stadtspaziergängen an. Es vereinfacht ihm sowohl die Orientierung als auch das sichere Gehen an der Leine. Oftmals werde ich von Passanten etwas seltsam beäugt, was aber in Bezug auf das Wohl des Hundes völlig unerheblich ist.

 

Die Beobachtung lehrte mich ebenso, dass Linus anfangs streicheln nur bedingt als angenehm empfand. Sanfte Berührungen dürften ihn eher verwirrt als entspannt haben, also begann ich mit dem „heilenden Knuddeln“, welches aus kräftigeren Massagen und Knuddeln des Hundes bestand. Dies schien er sehr zu genießen und fand immer besser zu seinen Ruhepausen, die wir auch sogleich dazu benutzten um Entspannungswörter zu konditionieren. Zusätzlich unterstützten wir sein zur Ruhe kommen mittels unzähliger Kauartikel, Schüssler Salzen und Bachblüten.

 

5) Die Seele des Hundehalters oder „Man läuft Gefahr, ein bisschen zu weinen, wenn man sich hat zähmen lassen...“ (Der kleine Prinz)

In diversen Foren haben wir über die Wichtigkeit der Kennzeichnung eines gehandicapten Hundes gelesen. Die ersten Wochen trug Linus ein Halstuch, auf welchem „Ich bin blind“ stand. Dies hatte zur Folge, dass wir ständig von mitfühlenden Passanten angesprochen und bemitleidet wurden. Mittlerweile „verschweigen“ wir seine Blindheit, da ich überzeugt davon bin, einen „normalen“ Hund zu haben und ihn möglichst von, für ihn nicht zuträglichen, Gefühlen der Übertragung fern halten möchte. Auch bin ich nicht bestrebt, unaufhörlich die Geschichte seiner Erblindung zu erzählen. Wäre dieser Vorfall nicht passiert, hätten Linus und ich nicht zueinander gefunden.

 

Seit Linus bei uns wohnt hat sich auch psychisch bei mir einiges bewegt. Interessanter Weise wurde mein „Blick“ klarer und weiter. Ich vertraue mehr auf mein Empfinden und meine Intuition, lebe jeden Tag bewusster und bin dankbar, dass dieses wundervolle Wesen den Weg zu mir gefunden hat. Zugleich wurde ich sensibler und nachdenklicher. Den Fokus von den eigenen Augen wegzulenken, führt einen automatisch näher zu einem selbst. Für mich ist dies eine große Herausforderung, ein Weg auf den ich mich gerne mit meinem Hund Linus begebe.

 

Zum Schluss, aber nicht zuletzt, möchte ich allen Hundehalterinnen und Hundehaltern Mut machen. Für uns Menschen ist der Verlust des Augenlichtes oft unvorstellbar – Hunde jedoch kommen damit wesentlich besser zurecht als wir. Auch wenn der schleichende Sehverlust eines älter werdenden Hundes bestimmt noch mehr Angst bereitet als ein plötzlich verunfallter Junghund, der sich rasch an seine neue Situation anpassen kann, vergessen wir nicht wozu wir fähig sind. Hunde bereiten uns so viel Freude – unterstützen wir uns gegenseitig!

„...meine Blume...ich bin für sie verantwortlich! Und sie ist so schwach! Und sie ist so kindlich. Sie hat vier Dornen, die nicht taugen, sie gegen die Welt zu schützen...“ (Der kleine Prinz)

 

Literatur:

Saint-Exupéry, A. (2000). Der Kleine Prinz. Zürich-Hamburg:Arche Verlag

Egger, C. & Illi, R. (2012). Siehst du es?. Zossen: MenschHund! Verlag